Sonniger Lebensabend

Am Bergwald sitzt sinnend ein Alter -
vor dem blühenden Wiesenhang.
Im Sonnenglanz flattern die Falter,
es klingt der Gefiederten Sang -
Sein Herz ist voll Wonne und Dank.

Es ist zwar dahin nun schon lange
seines Daseins Sommer und Flor,
während im urewigen Drange
die Natur bringt Neues hervor
stets wieder für Auge und Ohr.

Wie die Wolken eilen die Jahre,
es stürzen die Monde dahin.
Lichter und hell werden die Haare,
auch die großen Wünsche verblüh'n -
Hat denn das Leben noch Sinn?

Doch - lasset das Alter uns preisen,
die errungene Ruhezeit!
Die Krone des Daseins den Greisen,
die nun sind vom Zwange befreit
und frönen der Gemütlichkeit!

Man kann über Tage verfügen,
kann Herr darüber jetzt sein,
braucht der Einsamkeit nicht erliegen -
ein großes Herz ist nie allein
und läßt keinen Ärger herein.

Schlug das Schicksal auch manche Wunde,
verliert keine Zeit mit Gestöhn,
ihr Alten, nutzt jedwede Stunde,
laßt nimmer sie mutlos vergeh'n -
man lebt ja - und das ist schön!

Laßt Zufriedenheit in euch schwingen,
denkt an frohe Zeiten zurück,
tut das, was euch Freude kann bringen!
So findet einst des Herbstes Blick
eure Herzen in stillem Glück.

Nichts darf euch verbittern das Leben,
in den Tag geht heiter hinein;
laßt die Jugend werken und streben.
Des Herbstes tiefgoldenen Wein
genießet froh im Abendschein.

Karl Tietz

Quelle: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1974; S.109

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