An der Bode

Die Bode singt im Felsental
das Lied der Freude und der Qual,
das ew'ge Liebeslied.
Ich weiß es, wenn ihr fern ich bin,
geht es mir nimmer aus dem Sinn -
hierher mich's wieder zieht.

Es kräuselt in der Sonne Glut,
kristallen sich die Bergesflut,
springt über Steine, schäumt.
Und wer am Ufer schauend steht,
des Flusses Geist bannend umweht,
er lauscht, er sinnt und träumt.

O welch ein Bild, oft wunderbar,
beut sich des Träumers Auge dar!
Die Welle formt es so,
daß man das Land des Glückes schaut,
aus Wunsch und Wonne aufgebaut,
so schön, so reich, so froh.

Trink', Auge, diese holde Bild,
daß es die Seele ganz erfüllt
für alle deine Zeit!
Denn unser Herz mit warmem Blut
weiß von der Bode kühler Flut,
ahnt auch Verdruß und Leid.

Und doch ist der, der sich entzieht
dem bittersüßen Liebeslied,
im Leben nur ein Narr.
Das Dasein ist im Traum auch reich
an Wonne - sieh, der Fichtenzweig
nickt leise: Das ist wahr.

Karl Tietz

Quelle: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1977; S.40

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